Decolonize the Digital: Impulse für eine digitale Zivilgesellschaft
Wie kann Zivilgesellschaft digitale Transformation aktiv mitgestalten? Dieser Frage widmete sich das Panel „Decolonize the Digital: From Connectivity to Collective Solidarity“, am 20.Mai 2026 auf der re:publica26.
Gemeinsam mit Kave Bulambo (Black in Tech), Geraldine de Bastion (Global Innovation Gathering) und Katrin Huenemoerder (Mediale Pfade) diskutierte Molly Stenzel (Berlin Global Village), wie digitale Räume gerechter, demokratischer und gemeinschaftlicher gestaltet werden können.
Im Mittelpunkt stand dabei die Vorstellung des Digital Hub im Berlin Global Village – ein Ort für gemeinschaftliche digitale Infrastruktur, Wissensaustausch und neue Formen der Zusammenarbeit.
Digital Hub im Berlin Global Village
„Globale Gerechtigkeit ist bei uns nicht nur ein Thema, sondern gelebte Infrastruktur.“ Mit diesem Anspruch eröffnete Armin Massing, Berlin Global Village die Diskussion über die Zukunft digitaler Zusammenarbeit in der Zivilgesellschaft.
Mit dem geplanten Digital Hub erweitert Berlin Global Village das Zentrum mit rund 60 entwicklungspolitischen und migrantisch-diasporischen Organisationen um einen neuen Schwerpunkt: digitale Transformation aus einer Perspektive globaler Gerechtigkeit. Der Digtal Hub soll nicht nur ein physischer Ort für Zusammenarbeit werden, sondern auch ein Labor für digitale Souveränität, gemeinschaftliche Infrastruktur und politische Mitgestaltung.
Im Mittelpunkt stehen Fragen, die viele zivilgesellschaftliche Organisationen beschäftigen: Wie können die digitale Kompetenzen der Vereine gestärkt werden? Welche Alternativen gibt es zu den dominierenden Plattformen großer Technologiekonzerne? Und wie lassen sich digitale Werkzeuge so gestalten, dass sie demokratische Teilhabe fördern statt bestehende Ungleichheiten zu verstärken?
Digitale Infrastruktur ist eine Machtfrage
Die Diskussion machte deutlich, dass digitale Transformation weit über technische Innovation hinausgeht. Wer digitale Plattformen nutzt, bewegt sich meist in Systemen, die von anderen entwickelt, finanziert und kontrolliert werden. Für viele zivilgesellschaftliche Akteur*innen bedeutet das eine strukturelle Abhängigkeit von Technologien, deren Regeln sie kaum beeinflussen können.
Kave Bulambo, Gründerin von Black in Tech, wies darauf hin, dass marginalisierte Gruppen in der Technologiebranche aktuell häufig Nutzer*innen oder Angestellte seien, aber nur viel zu selten Eigentümer*innen, Gründer*innen oder Entscheidungsträger*innen. Wirkliche digitale Teilhabe beginne dort, wo Menschen nicht nur Zugang erhalten, sondern auch über Ressourcen, die nötigen finanziellen Mittel und Entscheidungsbefugnisse verfügen.
Die Debatte um digitale Souveränität wurde damit zu einer Debatte über Machtverteilung. Wer entwickelt digitale Systeme? Wer profitiert von ihnen? Und wer hat die Möglichkeit, ihre Zukunft mitzugestalten?
Teilhabe braucht mehr als Zugang
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, was echte Beteiligung im digitalen Raum bedeutet. Katrin Huenemoerder von Mediale Pfade plädierte dafür, digitale Bildung stärker als demokratische Bildung zu verstehen. Zugang zu Technologie allein reiche nicht aus, wenn Menschen nicht nachvollziehen können, wie digitale Systeme funktionieren, welche Interessen hinter Plattformen stehen oder wie Entscheidungen über Daten und Inhalte getroffen werden.
Partizipation, so ein zentraler Gedanke der Diskussion, beginnt nicht bei der Nutzung eines Tools, sondern bei der Möglichkeit, dessen Regeln mitzugestalten. Transparenz, Mitbestimmung und die Fähigkeit, digitale Systeme kritisch zu hinterfragen, wurden als zentrale Voraussetzungen für eine demokratische digitale Gesellschaft benannt.
Offene Technologien als Alternative
Geraldine de Bastion vom Global Innovation Gathering lenkte den Blick auf Initiativen weltweit, die bereits heute an alternativen digitalen Infrastrukturen arbeiten. In Innovationszentren, Community Labs und zivilgesellschaftlichen Netzwerken entstehen offene Softwarelösungen, lokale Datennetzwerke und gemeinschaftlich betriebene Technologien, die sich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer*innen orientieren.
Die Diskussion machte deutlich, dass viele Lösungen bereits existieren. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, Wissen zu teilen und Netzwerke zu stärken.
Dekolonisierung beginnt nicht erst am Bildschirm
Besonders eindrücklich war die Diskussion über die kolonialen Strukturen, die viele digitale Technologien bis heute prägen. Kave Bulambo erinnerte daran, dass die Rohstoffe für digitale Geräte häufig aus Regionen stammen, die selbst kaum von der Wertschöpfung profitieren. Auch hinter Künstlicher Intelligenz stehen globale Arbeitsketten – von der Rohstoffgewinnung bis zur Datenaufbereitung – die oft auf Ausbeutung basieren.
Die Frage nach einer gerechteren Digitalisierung lässt sich deshalb nicht auf Software und Plattformen beschränken. Sie umfasst auch die Bedingungen, unter denen Technologien produziert werden, und die Stimmen jener Menschen, die bislang zu selten an den Debatten über digitale Zukunft beteiligt sind.
Digitale Zukunft gemeinsam gestalten
Trotz der Herausforderungen überwog auf dem Panel eine konstruktive Perspektive. Die Diskussion zeigte, dass zivilgesellschaftliche Organisationen weltweit bereits an Alternativen arbeiten – insbesondere an neuen Formen der Zusammenarbeit.
Der Digital Hub am Berlin Global Village möchte diese Erfahrungen zusammenbringen und einen Raum schaffen, in dem digitale Infrastruktur als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird. Denn die zentrale Erkenntnis des Panels lautete: Digitale Transformation ist nicht nur eine technische Herausforderung. Sie ist eine Frage von Teilhabe, Verantwortung und demokratischer Gestaltung.
Den Talk könnt ihr in voller Länge auf YouTube anschauen: Zur Aufzeichnung
Foto Credits: Jan Michalko/re:publica/ SenWeb