Interview mit Akinola Famson zum Tag gegen Rassismus

„Eine gerechte Gesellschaft entsteht nicht von allein“

Interview mit Akinola Famson zum Tag gegen Rassismus 


18.03.2026, Interview von Michaela Zischek 

 

Was möchtest du zum Tag gegen Rassismus in diesem Jahr klar benennen?


Zum Tag gegen Rassismus möchte ich klar benennen, dass Antirassismus nicht bei symbolischen Gesten stehen bleiben darf. Genau das ist aber bislang häufig der Fall. Was es braucht, sind verbindliche strukturelle Veränderungen und die konsequente Einbeziehung der Perspektiven von Betroffenen und der Schwarzen Community. Rassismus ist kein Randphänomen. Er zeigt sich in Institutionen, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und im Alltag. Besonders deutlich ausgeprägt ist er für Menschen afrikanischer Herkunft. Sie werden weiterhin systematisch benachteiligt und unsichtbar gemacht. Deshalb braucht es nicht nur symbolische Gesten, sondern verbindliche strukturelle Veränderung.

 

Wo braucht es gerade besonders dringend politische und gesellschaftliche Konsequenzen beziehungsweise Veränderung?


Ich sehe vor allem drei Bereiche, in denen es dringend Veränderung braucht.


Erstens im Bildungssystem. Wir brauchen rassismuskritische Bildung, und sie muss strukturell verankert werden – von der Schule bis in die Lehrer*innenausbildung. Gerade Lehrkräfte brauchen mehr Sensibilisierung und Aufklärung. Gleichzeitig müssen sie auch darin gestärkt werden, sich als Multiplikator*innen für rassismuskritisches Handeln einzusetzen.


Zweitens braucht es Veränderung in Institutionen und im Verwaltungsbereich. Notwendig sind verbindliche antirassistische Strategien, mehr Diversität in Entscheidungspositionen und ein echter Zugang zu Teilhabe für betroffene Menschen. Wenn wir unsere Institutionen anschauen, sehen wir, dass sie auf der Entscheidungsebene noch immer sehr diversitätsarm aufgestellt sind. Genau hier braucht es Veränderung. Wenn wir Völkerverständigung ernst nehmen wollen, dann brauchen wir multiperspektivische Entscheidungspositionen.


Drittens geht es um Migration und Teilhabe. Menschen mit unterschiedlichem kulturellem und geschichtlichem Hintergrund müssen einen gleichberechtigten Zugang zu politischen, sozialen und gesellschaftlichen Ressourcen erhalten. Aktuell erleben wir jedoch vielerorts das Gegenteil: Etwa bei den Kürzungen in der Asylberatung und bei Deutschkursen. So werden Menschen von Teilhabe ausgeschlossen. Das ist ein großes Hindernis, wenn wir über eine transformative Gesellschaft sprechen. Es ist bedauerlich, dass politische Entscheidungen gerade an der falschen Stelle kürzen, statt friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Denn echtes friedliches Zusammenleben kann nur durch wirkliche Teilhabe entstehen.

 

Welche Verantwortung tragen zivilgesellschaftliche Akteur*innen in antirassistischer Arbeit?


Vereine und Organisationen, die sich für antirassistische und dekoloniale Arbeit einsetzen, leisten bereits sehr viel. Aber diese Arbeit muss gestärkt und strukturell unterstützt werden. Sie schaffen Räume, machen Ungleichheiten sichtbar und setzen wichtige Impulse für politische Veränderungen. Sie bringen ihre Perspektiven in Gremien und Beratungsprozesse ein und können so politische Veränderung anstoßen. Sie übersetzen Erfahrungen und Perspektiven für staatliche Institutionen und machen sie zugänglicher. Damit können sie viel bewirken. 


Gleichzeitig darf diese Verantwortung nicht einseitig auf die Zivilgesellschaft ausgelagert werden. Sie alleine können es nicht richten - antirassistische Arbeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Politik ist gefragt, die Institutionen sind gefragt, und auch die Mehrheitsgesellschaft ist gefragt. Sie alle müssen diese Arbeit solidarisch mittragen und unterstützen.

 

Welche Verantwortung siehst du für zivilgesellschaftliche Organisationen, die nicht explizit zu Fragen von Migration, Dekolonisierung und Antirassismus arbeiten?


Auch sie können ganz zentral Verantwortung übernehmen, indem sie Solidarität mit betroffenen Organisationen und Akteur*innen zeigen und Zivilcourage leben. Es braucht weniger Lippenbekenntnisse, die nur auf dem Papier stehen, und mehr Solidarität, die tatsächlich gelebt wird. 


Genau das würden wir uns wünschen. Je lauter wir gemeinsam für diese Themen einstehen, desto eher kann antirassistische Arbeit vorankommen. Deshalb wünschen wir uns mehr Solidarität und mehr Verbundenheit – gerade auch von stärker etablierten Organisationen. Zentral ist dabei, das eigene Handeln und die eigenen Privilegien zu reflektieren. Dafür braucht es Empathie und die Bereitschaft, Verantwortung nicht nur symbolisch zu benennen, sondern auch praktisch zu übernehmen.

 

Gibt es etwas, was sich in den letzten Jahren/ Jahrzehnten zum Positiven verändert hat und Mut machen kann?


Im Vergleich zu der Zeit, als ich mit dieser Arbeit begonnen habe, hat es durchaus Fortschritte gegeben – auch wenn vieles weiterhin langsam und mühsam ist. Stimmen von BIPOC und Diaspora-Communities sind politisch hörbarer geworden. Auch institutioneller Rassismus ist heute kein Tabuthema mehr; solche Themen werden inzwischen öfter benannt.


Ich erinnere mich noch daran, dass der Umgang damit früher, auch im Kontext der Sicherheitsorgane der Stadt, ein ganz anderer war. Begriffe wie Racial Profiling durfte man damals nicht mal in den Mund nehmen. Und es gibt heute mehr zivilgesellschaftliche Netzwerke und Bündnisse, die in diesem Bereich aktiv an Veränderung arbeiten. Auch das ist ein Fortschritt. Und es ist ermutigend zu sehen, dass sich mehr junge Menschen engagieren – auch wenn ich mir wünschen würde, dass es noch mehr werden. Wenn man all diese Entwicklungen zusammennimmt, zeigt sich auch: Veränderung ist möglich, wenn sie konsequent eingefordert wird. Und genau das macht Mut.

 

Welche Botschaft möchtest du aus deiner Rolle und politischen Praxis heraus mitgeben?


Aus meiner Rolle als Community Leader und Fachpromotor für globale Solidarität ist es mir wichtig, zu sagen: Globale Solidarität beginnt vor Ort. Sie beginnt bei uns selbst – und immer dann, wenn wir sie gemeinsam und konsequent gestalten.
Ich wünsche mir in diesem Zusammenhang mehr Vertrauen in die Expertise betroffener Communities und weniger bloße Absichtserklärungen. Denn eine gerechte Gesellschaft entsteht nicht von allein. Sie muss aktiv gestaltet werden, und das gelingt nur gemeinsam und mit klarer politischer Verantwortung.

 

Akinola Famson ist Vorstandsmitglied des Afrika-Rat Berlin Brandenburg e.V., Eine Welt-Promotor für globale Solidarität und Gesellschafter des Berlin Global Village. 


 

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